Scheidung Lexikon Scheidung

Auskunftspflicht

Entsprechende Verfahren
Divorce
Séparation
Partenariat
Modification de jugement
Convention de parents non mariés

Finanzielle Informationen

Prinzip

Jeder Ehegatte hat das Recht, über die finanziellen Verhältnisse des anderen in der Schweiz und im Ausland genau informiert zu werden, in Bezug auf das Einkommen als auch auf das Vermögen und die Schulden. Dies ist der Grundsatz von Artikel 170 ZGB.

Das gleiche Prinzip gilt für Partner einer eingetragenen Partnerschaft (Art. 16 PartG).

Sie kann insbesondere dazu dienen, ausreichende und genaue finanzielle Informationen zu erhalten, um die Höhe der Alimente zu bestimmen (BGE 142 III 116) oder um die Regelung des Güterstands zu ermöglichen (BGE 90 II 467).

Dieses Recht besteht, solange die Ehegatten nicht rechtskräftig geschieden sind (d.h. auch im Rahmen einer Trennung) oder solange die Partnerschaft nicht endgültig aufgelöst ist.

Dieses Recht lebt bei einem Antrag auf Abänderung eines Urteils nicht wieder auf, aber ein ähnliches Ergebnis kann über den Verfahrensweg der „vorsorglichen Beweisführung“ nach art. 158 ZPO erreicht werden (5A_295/2016).

Das Auskunftsrecht muss in angemessener Weise und nicht aus reiner Schikane ausgeübt werden (man wird nicht alle vierzehn Tage Kontoauszüge oder ein Vermögensverzeichnis verlangen können…!).


Folgen einer Auskunftsverweigerung ("Kampf"-Verfahren)

Weigert sich die Gegenpartei, die korrekten Informationen zu erteilen, kann ein Antrag beim Gericht gestellt werden, um die gewünschten Informationen zu erhalten. Zum Beispiel die Einholung von Kontoauszügen, entweder vom widerspenstigen Ehegatten/Partner oder direkt von Dritten wie der Bank, einschliesslich ausländischer Bankkonten (5P.423/2006).

Ein ausländisches Gericht, das über eine Ehescheidung im Ausland entscheidet, kann auch die Schweizer Gerichte um Hilfe bitten, um Informationen in der Schweiz zu erhalten (einschliesslich Informationen über ein Bankkonto in der Schweiz (5C.157/2003).

Ein gerichtliches Ersuchen um Finanzinformationen erfolgt durch vorsorgliche Massnahmen, entweder als Teil eines laufenden Verfahrens oder ausserhalb eines Verfahrens (z. B. vor der Einreichung einer Klage (5A_768/2012)).

In einem „Kampf“-Verfahren müssen die Parteien ausreichende und notwendige Informationen zur Verfügung stellen, um ihre Ansprüche geltend zu machen, wenn sie die Informationen nicht auf anderem Wege erhalten können (BGE 117 II 218).

Die Verweigerung der Mitwirkung oder der Auskunftserteilung (oder die Erteilung von Auskünften an nur eine Partei) kann erhebliche Folgen haben, da das Gericht zu dem Schluss kommen kann, dass die Behauptungen und Erklärungen eines Ehegatten, der seiner Auskunftspflicht nicht (oder nur teilweise) nachgekommen ist, teilweise oder ganz falsch sind und dass folglich die Aussagen des anderen Ehegatten aufrechterhalten werden müssen (5C_219/2005; 5A_155/2015).

Zuständig ist das Gericht des Wohnsitzes einer der Parteien.


Beschränkungen des Rechts auf Informationsbeschaffung

  • Ein Auskunftsersuchen wird vom Gericht abgelehnt, wenn der antragstellende Ehegatte kein besonderes Interesse an der Auskunft hat: z.B. wenn der andere Ehegatte bereits zugegeben hat, dass er in der Lage und willens ist, die vor der Trennung bestehende Lebensführung beizubehalten (5A_918/2014).
  • Im Falle einer sehr guten finanziellen Situation, in der zudem eine Gütertrennung vereinbart wurde, ist der auskunftspflichtige Ehegatte nicht verpflichtet, sein Einkommen oder Vermögen offenzulegen (5A_918/2014).

Bankgeheimnis

Banken sowie Vermögensverwalter, Treuhänder oder Wirtschaftsprüfer sind verpflichtet, die vom Gericht geforderten Informationen zu liefern (5P.423/2006). Das Bankgeheimnis kann in solchen Fällen nicht geltend gemacht werden (BGE 142 III 116).

Sie können nicht direkt gegen die Bank vorgehen, um die von Ihnen gewünschten Informationen zu erhalten (5C.157/2003). Sie müssen Ihre Auskunftsrechte zunächst vor dem Gericht geltend machen, welches dann die Bank anweist, die erforderlichen Informationen vorzulegen (5P.423/2006).

Siehe hier einen Artikel des Tagesanzeigers.


Informationen, die von Dritten geschuldet werden (Schule, Arzt)

  • Eltern, die die gemeinsame elterliche Sorge haben, können jeweils Informationen von der Schule oder dem Arzt des Kindes einholen, da die Erziehung oder die Gesundheit des Kindes einer der Hauptbereiche der elterlichen Sorge ist.
    Weder die Lehrer noch der Arzt können sich grundsätzlich auf das Amts- oder Arztgeheimnis berufen.
  • Hat ein Vater oder eine Mutter entgegen dem Rechtsgrundsatz keine elterliche Sorge, so kann er/sie dennoch einen Anspruch auf ein Mindestmass an Informationen über die Gesundheit oder die Erziehung seines/ihres Kindes haben, wenn es wichtig ist, etwas über den Zustand oder die Entwicklung des Kindes zu wissen, insbesondere wenn später wichtige Entscheidungen zu treffen sind (Art. 275 ZGB).

Wenn der Dritte die Auskunft verweigert, kann er von einem Gericht, das von einem der beiden Elternteile angerufen wird, zur Auskunft gezwungen werden, auch wenn es sich um einen unverheirateten Elternteil handelt (5A_889/2014).

Es bleibt die heikle Frage nach den eigenen Interessen und Persönlichkeitsrechten des Kindes. Je älter das Kind wird, desto mehr muss sein persönliches Leben geschützt werden (Persönlichkeitsrecht des Kindes). Wenn also ein Elternteil den behandelnden Arzt seiner minderjährigen Tochter fragt, ob sie die Pille nimmt oder abgetrieben hat, wird der Arzt nicht antworten, ohne vorher von seiner Patientin, der minderjährigen Tochter, von der Schweigepflicht entbunden worden zu sein.


Einschränkung der Verfügungsbefugnis über das Vermögen

Gemäß Artikel 178 ZGB können Sie beim Gericht beantragen, einem Ehegatten zu verbieten, über einen Teil seines Vermögens zu verfügen. Das Prinzip ist identisch mit Artikel 22 PartG, welcher die eingetragene Partnerschaften betrifft.

Konkret kann das Gericht anordnen, dass der Partner bestimmte Vermögenswerte (Gemälde, Villen usw.) nicht verkaufen oder ohne die Zustimmung des anderen von einem Bankkonto abheben darf. Dasselbe gilt, wenn sich die Immobilie im Ausland befindet oder wenn das Vermögen nicht formell dem Ehepartner gehört (z. B. wenn das Vermögen formell von einer Offshore-Gesellschaft oder einem Trust gehalten wird).

Zweck dieser vorsorglichen Massnahmen ist es, die ordnungsgemässe Abwicklung des Güterstandes zu gewährleisten (5A_259/2010).

Das Gericht wird Ihrem Antrag stattgeben, wenn Sie nachweisen können, dass eine ernsthafte und konkrete Gefahr besteht, dass Ihr Ehegatte sein Vermögen verschleudert oder verschwinden lässt (BGE 118 II 378).

Wenn das Gericht der Überzeugung ist, dass schnelles Handeln notwendig ist, kann es auch das Einfrieren von Bankkonten Ihres Ehegatten oder die vorläufige Beschlagnahme von Vermögenswerten anordnen, um ihn daran zu hindern, darüber zu verfügen (5A_604/2014).

Eine Beschlagnahme/Sperrung wird nur insoweit angeordnet, als dies zum Schutz Ihrer Interessen oder der Interessen der Familie erforderlich ist (5A_604/2014). Die Beschlagnahme/Sperrung kann sich nur gegen bestimmte Vermögenswerte richten (z. B. ein bestimmtes Bankkonto oder ein bestimmtes Gebäude) und ist zeitlich begrenzt (BGE 120 III 67).

Der zuständige Richter ist der Richter Ihres Wohnsitzes oder der Richter des Wohnsitzes Ihres Ehegatten oder Partners (5P.360/2004).