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Hypothetisches Einkommen und Betreuungsunterhalt

Entsprechende Verfahren
Scheidung
Trennung
Auseinandersetzung Partnerschaft
Änderung eines Urteils
Vereinbarung unverheiratete Eltern

Einleitung

Wenn es keine vernünftige und ausgewogene Vereinbarung zwischen den Eltern gibt, bestimmt das Gericht die Höhe des Unterhalts für das Kind bzw. die Kinder nach der Methode des Existenzminimums mit Überschussverteilung.

Die Berechnung der Alimente erfolgt grundsätzlich nach der Methode des Existenzminimums mit Überschussbeteiligung (auf der vorherigen Seite ausführlich beschrieben).

Zur Vereinfachung und für Einkommen zwischen 6.000 und 12.000 CHF pro Monat sind wir im richtigen „Bereich“, indem wir für ein Kind 15% des Nettogehalts, für zwei Kinder 25% und für drei Kinder 30% des Nettogehalts nehmen.

Bei wechselnder Obhut werden diese Prozentsätze aus der Einkommensdifferenz entnommen.

Man muss aber wissen, was unter „Einkommen“ zu verstehen ist.

Darüber hinaus hat ein Elternteil, der es sich nicht leisten kann, seine eigenen Grundausgaben ganz oder teilweise zu decken, weil er nicht mehr arbeitet oder seinen Arbeitssatz reduziert hat, um für das Kind zu sorgen, Anspruch auf eine Sonderrente („Betreuungsbeitrag“), die in den Alimenten für das Kind enthalten ist und sich entsprechend erhöht.


Was ist ein Einkommen?

Siehe hier.


Hypothetisches Einkommen

Siehe Einzelheiten im Dossier, das diesem Thema gewidmet ist.

Kurz gesagt wird von jedem Elternteil verlangt und erwartet, dass er sein Bestes tut, um nach seinen Fähigkeiten zu arbeiten (unter der Voraussetzung, dass ein Elternteil nicht verpflichtet ist, zu arbeiten oder sein bestehendes Arbeitspensum zu erhöhen, solange das jüngste Kind noch nicht schulpflichtig ist, und dann bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des jüngsten Kindes mindestens 50%, bis zum vollendeten 16. Lebensjahr des jüngsten Kindes 80% und danach 100% zu arbeiten) und somit eine seinen Fähigkeiten entsprechende Vergütung zu erhalten.

Ist dies nicht der Fall, wird sich das Gericht nicht mit den angegebenen Einkünften zufrieden geben, sondern hypothetische Einkünfte, die der Betreffende vernünftigerweise erhalten kann, festlegen, um die Höhe der Kinderrente zu bestimmen.

Die konkrete Anwendung dieser Prinzipien ist manchmal problematisch:

  • In dringenden vorsorglichen Massnahmen wird die Obhut für das Kind der Mutter zugesprochen, und dem Vater ist ein sehr weites Besuchsrecht – in der Nähe der alternierenden Obhut – vorbehalten. Die Mutter arbeitet zu 50%, der Vater zu 80%. Nach Abzug der jeweiligen und inkompressiblen Ausgaben jedes Elternteils verblieb ein verfügbarer Betrag von 2.783 CHF für den Vater und 2.570 CHF für die Mutter. Das Bundesgericht entschied, dass nach der Vorschrift zur Schulbildung (das Kind war erst 6 Jahre alt) von der Mutter nicht verlangt werden durfte, mehr als 50% zu arbeiten. Auf der anderen Seite und trotz des Besuchsrechts des Vaters in der Nähe der wechselnden Obhut wird vom Vater verlangt, seine Arbeitsquote von 80% auf 100% zu erhöhen (5A_264/2019).
    Man kann sich ernsthaft fragen, ob dies wirklich die Lösung ist, die vom Kindeswohl diktiert wurde. Wäre diesem Interesse nicht besser gedient gewesen, wenn die Regel in Bezug auf das Bildungsniveau weniger starr gewesen wäre und die Mutter gebeten hätte, ihre Arbeitszeit etwas zu verlängern (z.B. auf 60%), damit der Vater mehr Zeit hat, sich um das Kind zu kümmern, indem er nur 80% arbeitet?
  • In einem anderen, gleichzeitig ergangenen Urteil, das jedoch bei einer sehr angespannten finanziellen Situation erging, vertrat das Bundesgericht die Auffassung, dass die Person, die ihre Arbeitszeit nach der Geburt reduziert hat, nach einigen Monaten (9 Monate sind eine „grosszügige Frist“) wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen können muss, wenn beide Elternteile vor der Geburt des Kindes – und auch pünktlich nach der Geburt – gearbeitet haben (5A_329/2019).

Das heisst, dass die Vorhersehbarkeit und Lesbarkeit der verschiedenen Entscheidungen sehr unsicher sind. Es ist bedauerlich, dass die Festlegung der Höhe der Alimente im Grossen und Ganzen mehr aus Krämerrechnungen als aus dem tatsächlichen Wohl des Kindes resultiert.

Es werden schöne Theorien und Berechnungen aufgestellt, die den Eindruck erwecken, objektiv zu sein, aber das Ergebnis wird nicht gegen das konkrete und beste Interesse des Kindes geprüft.

Anstatt sich eine Lösung vom Gericht aufzwingen zu lassen (nach einem zweijährigen Verfahren, wenn es bis zum Bundesgericht gehen), ist es daher unerlässlich, auf intelligente und konkrete Weise alles zu tun, um zu einer akzeptablen Lösung zwischen den Eltern zu gelangen (auch wenn dies bedeutet, die Hilfe eines professionellen Mediators in Anspruch zu nehmen, der nichts aufzwingt und beide Eltern dazu bringt, selbst eine akzeptable, praktische und konkrete Lösung im Interesse des Kindes zu finden).


Betreuungsunterhalt

In seinem Urteil 5A_830/2018 fasste das Bundesgericht die Voraussetzungen zusammen, die erfüllt sein müssen, damit ein Beitrag für die Betreuung eines Elternteils in die Kinderalimente einbezogen werden kann:

Art. 276 Abs. 2 und 285 Abs. 2 ZGB (je in der seit 1. Januar 2017 in Kraft stehenden Fassung); Betreuungsunterhalt, Bemessungsmethode. Zur Bemessung des Betreuungsunterhaltes des Kindes entspricht die Lebenshaltungskosten-Methode am besten dem vom Gesetzgeber verfolgten Ziel; sie hat überdies den Vorteil, einzig die indirekten, durch die Betreuung entstehenden Kosten zu decken. Nach dieser Methode ist als Kriterium die Differenz zwischen dem Nettoverdienst aus der Erwerbstätigkeit und den Lebenshaltungskosten des betreuenden Elternteils massgebend, wobei hierfür im Grundsatz auf das familienrechtliche Existenzminimum abzustellen ist (E. 7).

Kurz gesagt: Der Betreuungsbeitrag ermöglicht es dem Elternteil, der das Kind betreut und seine Erwerbstätigkeit eingeschränkt oder eingestellt hat, über die finanziellen Mittel zu verfügen, um seine eigenen Lebenshaltungskosten zu decken (5A_327/2018 E. 6.2, BGE 144 III 377).

Die Alimente für das Kind sollte daher um den Betrag erhöht werden, den der andere Elternteil benötigt:

  • der seine berufliche Tätigkeit einschränken (oder einstellen) musste, um sich um das Kind zu kümmern
  • UND in dem Masse, in dem sein laufendes Einkommen nicht ausreicht, um den gerechten Anteil zu decken, den er/sie in Form von Sachleistungen für den Unterhalt des Kindes schuldet.

Der zu leistende Betrag wird von den Budgets und der Tabelle des gebührenden Unterhaltes abgezogen. Wenn Sie Ihre Unterlagen durch die Website erstellen, sind die Budgets und die Tabelle des gebührenden Unterhaltes geplant und leicht auszufüllen.

Da der Betreuungsbeitrag die Einkommensminderung des Elternteils ausgleichen soll, der seine Erwerbstätigkeit reduziert oder aufgegeben hat, kann es keinen Betreuungsbeitrag geben, wenn der/die Betreute bereits zu 100 % arbeitet (5A_648/2020).

Siehe auch das Dossier Verpflichtung zur Arbeit.

Da der betreuende Elternteil bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des jüngsten Kindes zu 50 %, danach zu 80 % (ab dem vollendeten 15. Lebensjahr) und über das vollendete 16. Lebensjahr hinaus zu 100 % arbeiten können muss, darf der Betreuungsbeitrag grundsätzlich nicht über das vollendete 16. Lebensjahr des jüngsten Kindes hinausgehen und wird mit zunehmendem Alter der Kinder sinken.

Daher ist die Höhe der Betreuungsrente grundsätzlich degressiv und richtet sich nach dem Anstieg der Arbeits- und Einkommensquote des berechtigten Elternteils und endet in jedem Fall, sobald das jüngste Kind das 16 Jahre alt ist.

Bei strittigen Verfahren ist es manchmal schwierig, nachzuweisen, dass die Bedingungen für den Betreuungsbeitrag nicht erfüllt sind. Vgl. z.B. 5A_192/2018, wo ein Betreuungsbeitrag zu Gunsten einer Mutter einbehalten wurde, die bei der Geburt des Kindes aufhörte zu arbeiten, aber nach Angaben des Vaters wenig Fürsorge für das Kind hatte, das oft einem brasilianischen Kindermädchen, «Freundinnen» oder der Kinderkrippe anvertraut wurde, während eine Putzfrau die Hausarbeit erledigte.

Artikel aktualisiert am 29/09/2022